Im großen Wald gab es zwei bekannte Wege.
Der Gerade Weg rief stolz:
„Bei mir ist alles ordentlich! Keine Kurven, keine Überraschungen!“
Der Kurvenweg lachte:
„Bei mir gibt’s Schmetterlinge, Brombeerbüsche und manchmal sogar eine Pfütze zum Reinspringen!“
Eines Tages wollte die kleine Lilo zum See spazieren.
Sie ging zur alten Schildkröte und fragte:
„Welcher Weg ist besser? Ich möchte nichts falsch machen.“
Die Schildkröte lächelte langsam – Schildkröten lächeln nie schnell –
und sagte:
„Lilo, hör einmal in dich hinein.
Manche Tage passen gut zum Geradeausgehen.
Andere Tage brauchen ein bisschen Kurve.“
Lilo legte die Hand auf ihr Herz und fragte sich:
„Wie fühlt sich mein Schritt heute an?“
Da spürte sie etwas Warmes:
eine kleine Freude, die hüpfte.
„Heute passt der Kurvenweg zu mir!“ rief sie fröhlich.
Die Schildkröte nickte.
„Siehst du, Lilo?
Treu zu deiner eigenen Linie bedeutet nicht, immer denselben Weg zu wählen.
Es bedeutet, dem zu folgen, was sich in dir richtig anfühlt – egal ob gerade oder kurvig.“
Lilo verstand.
Seitdem achtet sie jeden Morgen darauf, wie ihr Herz gehen möchte.
Manchmal wählt sie den schnellen, geraden Weg.
Manchmal den fröhlichen Kurvenweg.
Und manchmal erfindet sie einfach einen ganz neuen – ihren eigenen.
Im Wald erzählt man sich seitdem:
„Wer seiner eigenen Linie folgt, findet immer heim – egal, wie der Weg aussieht.“
Und Lilo?
Die geht weiter lachend durch den Wald, Schritt für Schritt zu sich selbst.
Dogma ist Wahrheit ohne Atem. Erkenntnis ist Wahrheit mit Atem.
K.I.


